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Praktikum in Ghana

Praktikum in der deutschen Botschaft in Accra, Ghana

Erfahrungsbericht über ein Praktikum in Ghana im Mai und Juni 2006 von Antonia Stolz

Nach vielen Bewerbungen hatte ich Glück. Ich wollte unbedingt weg ins Ausland, noch mal weit weg, und bewarb mich kreuz und quer um die Welt. Doch für Kurzentschlossene sieht es nicht so gut aus im Bereich renommierter Praktikaangebote im Ausland. Trotzdem sagte mir nach längerem Hin und Her die Deutsche Botschaft in Accra, Ghana einen Praktikumsplatz im Presse- und Kulturreferat für zwei Monate zu.

Ich freute mich sehr auf diese Zeit. Mit hohen Erwartungen sah ich dem Praktikum entgegen. Fast noch gespannter war ich auf das Land. Ghana, Afrika, ein Land und ein Kontinent auf dem ich noch nie war, von dem man aber schon so viel gehört, gelesen und geredet hatte. Ein diffuses Bild aus verbreiteten Stereotypen, Berichten und persönlichen Erzählungen im Kopf, brannte ich vor allem darauf, mir meinen eigenen Eindruck zu machen, meine eigene Meinung bilden zu können.

Am 25. April ging es los. Es war eine lange, anstrengende Reise, da der mit Abstand am billigste Flug über Dubai führte, das ja nun nicht wirklich auf direktem Weg liegt. Dementsprechend erschöpft kam ich am Kotoka Airport an. Die Einreise verlief ohne Schwierigkeiten und ich wurde von meiner Vorgängerin und einem Fahrer der Botschaft abgeholt. Für die beiden war es ein eher kühler Tag, wie sie mir erzählten, als ich vor schwüler Hitze fast verging. Aber daran würde ich mich auch noch gewöhnen. Sie brachten mich direkt zu meiner, von der Botschaft organisierten Unterkunft.

Das ist normalerweise nicht üblich, die Botschaft ist nicht verpflichtet den Praktikanten eine Unterkunft zu organisieren. Doch sie versuchen ihr Möglichstes um bei der Suche behilflich zu sein. Mir kam der Zeitraum, den ich für meinen Aufenthalt gewählt hatte, zur Hilfe. In der Erwartung eines großen Ansturms ghanaischer Visabewerber zur Fußball-WM in Deutschland hatte die Botschaft für diese Zeit den Innenhof eines, in nächster Nähe zur Visastelle liegenden Hotels angemietet, um vor allem einen weiteren Wartebereich bereitstellen zu können. In diesem Hof stehen, etwas abseits, zwei kleine Bungalows, von denen die Botschaft mir den einen zu einem geringen Unkostenbeitrag zur Verfügung stellte.

Ich nahm dieses Unterkunftsangebot gerne an. Die Vorteile für mich waren groß. Die direkte Nähe zu meiner Arbeitsstelle, das gute und sichere Viertel, die geringen Kosten sowie dass Pauline, die eine Rechtsreferendarin mit der ich mich schnell anfreundete, in dem zweiten Bungalow wohnte sprachen für sich. So überwogen sie auch die Nachteile, die Dinge die ich eigentlich nicht gewollt hatte, wie zum Beispiel die große Abgeschirmtheit in einem solchen Viertel, die räumliche Nähe zu der weißen deutschen Community und nicht zuletzt die Hotelatmosphäre. Letzteres änderte sich jedoch schnell, als ich anfing, mich mit Gisela, der deutschen "Hausmutter" und Martha und Bridget, den beiden Ghanaerinnen, die in der Küche arbeiteten so gut zu verstehen, dass ich Küche und Dachterrasse mitbenutzen konnte, im Schlafanzug zum Frühstück kommen konnte und mich schnell sehr willkommen und zu Hause fühlte. Wir kochten viel zusammen und immer war jemand da zum Reden, so wuchsen wir bald zu einer lustigen, wenn auch recht heterogenen Wohngemeinschaft zusammen.

Ich arbeitete jeden Tag von etwa 7.30 Uhr bis um 16.30 Uhr. Meinen Arbeitsplatz mit (fast) eigenem Computer hatte ich im Büro von Sabrina Schmidt, Presse- und Kulturattachée der Botschaft. Sabrina ist sehr nett und offen, wir verstanden uns sehr gut, weshalb eigentlich immer eine nette Arbeitsatmosphäre in unserem Büro herrschte.

Mit einiger Verwunderung stellte ich nach einiger Zeit fest, dass sich ein Praktikum an der Deutschen Botschaft in Ghana nicht viel von anderen Praktika, die ich in Deutschland schon gemacht habe, unterscheidet. Die Atmosphäre an der Botschaft in Accra ist ein bisschen wie die Sprache: Deutsch. Mein Aufgabenbereich erstreckte sich von der Erstellung eines Sachstandsberichtes über Bildung in Ghana, über zeitaufwändige Kleinigkeiten wie Internetrecherchen, Scannen, Korrespondenz und elektronische Anfragen beantworten, bis hin zu repräsentativen Aufgaben für die Botschaft. Eigentlich war mein Arbeitsfeld also breit gefächert. Trotzdem fühlte ich mich oftmals, gerade wenn nicht allzu viel los war, eher unterfordert. Einige meiner Kollegen gaben sich große Mühe, meine Arbeit etwas interessanter zu gestalten, was ich ihnen hoch anrechnete, und insgesamt bin ich mit meinem Praktikum sehr zufrieden. Sehr interessant war für mich auch, oder vor allem, der Einblick in den alltäglichen Ablauf einer Botschaft, sowie in die Presse- und Kulturarbeit die sich in einem solchen Rahmen verwirklichen lässt. Viele meiner Kollegen waren mir gegenüber sehr nett und aufgeschlossen, luden mich zu sich nach Hause ein, gaben mir Tipps und standen mir in allen Situationen mit Rat und Tat zur Seite. Dieses gute Verhältnis auf persönlicher Ebene setzte sich glücklicherweise auch im Arbeitsalltag fort und ich fühlte mich wohl an meinem Arbeitsplatz.

Erst viel später habe ich begriffen wie viel Glück ich mit Ghana gehabt habe. Es ist ein wunderschönes Land. Seine relativ stabile politische Lage ist vor allem im Gegensatz zu seinen Nachbarländern hoch zu schätzen, die Ghanaer sind friedlich und freundlich zu Fremden. Das alles ermöglichte es Ausländern, sich frei auf den Straßen zu bewegen, keine Selbstverständlichkeit und so wichtig für die entspannte Atmosphäre im Land.

Ich bin an den Wochenenden viel gereist, habe versucht möglichst viel vom Land zu sehen. Ghana ist wunderschön, die Vielfalt und Natur sind beeindruckend und uns wurde nie langweilig zu reisen, eher bedauerten wir es nach den ereignisreichen kleinen Reisen wieder in die große laute Stadt zurück zu müssen. Accra selbst ist völlig anders als jede Großstadt die ich bisher kennen gelernt habe. Weitläufig zerstreut sich die Größe, die Masse verläuft sich und trifft sich wieder, es gibt kein wirkliches Stadtzentrum. Die Häuser sind nicht hoch, überall gibt es die für europäische Augen so erschreckenden Wellblechhütten, die ich schon bald als normale Gebäude wahrgenommen habe. Verblüffend wie schnell man sich gewöhnen kann. Die afrikanische Realität hat Accra fest im Griff, aber man kann sich als Europäer hier gut zurechtfinden. Einen großen Anteil daran tragen auch die netten, aufgeschlossenen Ghanaer die ich kennen gelernt habe.

Meine Freizeit verbrachte ich trotzdem vor allem mit westlichen Praktikanten, wovon es in Ghana sehr viele gibt. Das liegt unter anderem daran, dass aufgrund der guten infrastrukturellen und politischen Bedingungen sowie der Kooperationsbereitschaft der Regierung viele der internationalen Entwicklungszusammenarbeitsorganisationen in Ghana vertreten sind. Junge Leute aus aller Welt arbeiten hier mit. Man lernt also sehr schnell Leute kennen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie man selbst, und die oft dieselben Interessen haben. So sind wir zum Beispiel viel zusammen gereist. Ich möchte diese Begegnungen nicht missen, ich habe beeindruckende Persönlichkeiten kennen gelernt und schöne Freundschaften gewonnen. Auch mit einigen GhanaerInnen habe ich nähere Bekanntschaft geschlossen, die mir sehr viel gegeben haben. Trotzdem stellt sich gerade im Nachhinein die Frage ob wir uns nicht mehr integrieren hätten können. Die angenehme ghanaische Offenheit und Liebenswürdigkeit macht ein erstes Gespräch sehr einfach. Dann kommen jedoch oft die Hoffnungen, die an die Bekanntschaft mit Europäern gestellt werden hinzu. Oft wird einem so (unbewusst) das Gefühl vermittelt, dass ich weniger als ich selbst, denn als "reiche" Weiße wahrgenommen werde. Das hat mich oft erschreckt und geärgert- und doch sagt es sehr viel aus darüber, wie Probleme in Ghana wahrgenommen werden, wie tief die Hoffnung auf ein besseres Leben geht und welches Ausmaß europäische Integrationsproblematiken annehmen. Das war mein Eindruck, und vielleicht war auch einfach die Zeit zu kurz um diese Gefühle und Erfahrungen besser zu verstehen und ihnen entgegentreten zu können. Umso wertvoller erscheinen mir alle Freundschaften die ich mit Ghanaern geschlossen habe. Und trotz allen kulturellen Schwierigkeiten ist es mir wichtig zu vermitteln, dass ich mich sehr wohl gefühlt habe in diesem Land, das ich so zu schätzen gelernt habe.

Insgesamt war es eine sehr wertvolle, ereignisreiche Zeit, die ich intensiv erleben durfte. Dass mir dieser Auslandsaufenthalt und das Praktikum an der Deutschen Botschaft in dieser Form möglich waren verdanke ich auch oder vor allem der Unterstützung, die ich durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst erfahren habe.

Antonia Stolz
Berlin, den 21. September 2006

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